Sonntag, 25. Juni 2017

Das Mädchen mit dem Regenschirm

Unsplash.com // Todd Diemer


Die Lichter rasen an ihr vorbei und sie bleibt stehen. Mitten auf dem Weg, im Gedränge der Menschen, wo sie sich am wohlsten fühlt. Unsichtbar, geborgen. Sie wendet sich der Straße zu und betrachtet die unterschiedlichen Farben, die zu Punkten verschwimmen, wenn sie die Augen zusammenkneift. Rote Autolichter, die sie anzulächeln scheinen. Eine Ampel, die jetzt auf grün springt und sie an den Sommer erinnert, den sie in den Bergen verbracht hat. Der Himmel, der sich in allen Blautönen auf der nassen Straße spiegelt. Lampen, deren gelbes Licht golden schimmert. Sie lächelt und streckt ihre Hand danach aus, versucht, das Gold zu berühren.
Im nächsten Moment stolpert sie und wäre fast gefallen, wenn sie sich nicht im letzten Moment auf einem Pfosten abgestützt hatte. „Pass doch auf, Mädchen.“ Eine dunkle Stimme, in der die Wut zu erkennen ist. Rot.
Sie kneift die Augen zusammen, blendet die bösen Worte aus und ballt die Hände zu Fäusten. Erst, als sie sich sicher ist, dass der Mann weg ist, öffnet sie die Augen. Blinzelt. Die Welt um sie herum scheint stehen geblieben zu sein, die Menschen haben innegehalten. Kein Geräusch dringt an ihr Ohr und sie dreht sich einmal um die eigene Achse. Läuft dann durch die erstarrten Menschenmassen, betrachtet deren Gesichter. Freude, Wut. Trauer.
Vor einem Pärchen bleibt sie stehen, die beiden stehen in einem Hauseingang und haben die Hände ineinander verschränkt. Auf dem Boden zwischen ihnen blitzt etwas goldenes auf und das Mädchen bückt sich, hebt den Ring auf und umklammert ihn fest. Gold.
Ohne ihn genauer anzusehen steckt sie ihn in ihre viel zu weiten Manteltaschen und geht weiter. Jeder ihrer Schritte erscheint ihr so laut wie ein Donnerschlag und sie unterdrückt den Drang, stehenzubleiben und auf die Blitze am Himmel zu hoffen.
Ein grüner Mantel auf der anderen Straßenseite erregt ihre Aufmerksamkeit und sie beschleunigt ihre Schritte, geht über die Straße, ohne nach links oder rechts zu sehen. Se schlängelt sich durch das Labyrinth der Autos, macht sich einen Spaß daraus, Türen zu öffnen und wieder zu schließen, nur um das faszinierende Geräusch dabei immer und immer wieder zu hören. Dann erinnert sie sich wieder, wieso sie hier ist und ein Schatten der Trauer legt sich auf ihr Gesicht. Sie schließt die zuletzt geöffnete Tür und rennt auf die andere Straßenseite. Der Junge sitzt auf dem Boden, seine langen Haare verdecken das schmale, kantige Gesicht. Seine gekrümmte Gestalt wird von dem grünen Mantel verdeckt und sie bringt es nicht über sich, ihm das einzige zu nehmen, das ihn zu wärmen scheint. Mit einer vorsichtigen Bewegung greift sie in seine Manteltasche, ertastet eckige Formen. Holt dann etwas heraus, das sich am meisten nach dem Gesuchten anfühlt und hält es gegen das Licht. Ein Schlüsselanhänger in Form eines Kleeblatts. Grün.
Sie steckt das Relikt zu dem Ring und überquert die Straße erneut – dieses Mal, ohne die Autos zu betrachten und stehenzubleiben. Unscheinbar, neben einem Mülleimer liegt ein Stockschirm. Dunkel, fast schwarz. Irgendjemand hat ihn dort zurückgelassen. Nein, nicht irgendjemand. Sie weiß genau, wer es war, traut sich jedoch nicht, den Namen auszusprechen. Auch nur an ihn zu denken.
Sie hebt den Schirm auf und schleppt ihn an die Stelle, an der sie anfangs gestanden hatte. Mit etwas Mühe hebt sie ihn vor sich. Ein Klacken ist zu hören, als sie ihn öffnet, dann das Prasseln des Regens. Menschen rennen an ihr vorbei, weitere Schirme werden aufgespannt.
Niemand beachtet das Mädchen, das mitten unter ihnen steht und den Regenschirm fest umklammert hält. Der erste Donner ist zu hören und sie lächelt zufrieden. Erst, nachdem ein Blitz über den Himmel zuckt, geht sie weiter und mischt sich unter die Menschen. Und verschwindet.

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